Die FW 190 des Leutnant Hansen
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bsturz in Eidengesäß - 18.11.1944 um 12:40 Uhr  

 

 

Fundstücke: Erhalten von Friedhelm Wagner aus Gelnhausen, der auch den nachfolgenden Bericht schrieb.

 

 

Ein schwerer Luftkampf entfachte sich über Langenselbold und Neuenhasslau, der sich dann in den Raum Gelnhausen verlagerte. Ca. 40 amerikanische Thunderbold Jagdflugzeuge (dies waren die schwersten Jäger der U S Luftstreitkräfte) hatten den Auftrag den Bahnhof Langenselbold und das Tanklager Neuenhasslau zu zerstören. Dieses Tanklager diente als Nachschublager für den „Fliegerborst Rothenbergen“.

 Zehn FW 190 Jäger vom Typ A-8 und A-9 der dritten Gruppe des Jagdgeschwaders 2 waren vom ehemaligen „Fliegerhorst Altenstadt“ gestartet um die Amerikaner abzufangen. Diese noch sehr jungen und schlecht ausgebildeten Jagdflieger, die kaum Kampferfahrung hatten, trafen im Raum Langenselbold — Neuenhasslau auf die Thunderbold und hatten keine Chance gegen die Übermacht. Lediglich zwei deutsche Jäger konnten entkommen. Auch zwei amerikanische Jäger fielen vom Himmel.

 Der deutsche Staffelführer, Leutnant Hans-Peter Hansen, geb. am 26.06.1923 in Hamburg, zuletzt wohnhaft in Lübeck-Travemünde mit der Erkennungsmarke Nr. 2 FLAR 61 2817 14529 hat es gerade noch geschafft, seine brennende „Weiße 12“ (Werk-Nr. 759157) von Richtung Osten herkommend, über den Ort Eidengesäß zu bringen. Durch seinen selbstlosen Einsatz, der für ihn mit dem Tod endete, rettete er viele unschuldige Menschenleben. Die Schiebehaube hatte er nach seinem Beschuss abgesprengt und er war auch schon im Begriff auszusteigen. Mit dem linken Bein stand er auf der Tragfläche, doch die Höhe war zu gering. Dies hat ein Zeitzeuge berichtet, der den Absturz miterlebte. Anfang 1945 hat man Teile von ihm geborgen, die auf dem Gelnhäuser Friedhof beigesetzt wurden.

 Fast genau 50 Jahre danach, am 11. Juli 1994 ist man bei Baggerarbeiten, beim Ausheben einer Baugrube, auf Wrackteile der Maschine gestoßen und die Polizei wurde benachrichtigt. Auch Werner Zirkel und ich wurden verständigt, da wir in unserem Umkreis Nachforschungen über die Luftkriegsgeschichte betreiben. Die Bergungsaktion wurde von dem Kampfmittelräumdienst des Landes Hessen durchgeführt. Den Leiter dieser Organisation kannte ich schon von früheren Bergungen. Uns war der Absturz im jetzt bebauten Ortsteil bekannt, doch wir vermuteten die Stelle ca. 150 Meter weiter, laut Aussagen eines Zeitzeugen. Unser Ziel war, die Teile der Maschine nach der Bergung zu bekommen, um sie in unserem Museum mit Dokumentation auszustellen.

 An den folgenden Tagen der Bergungsaktion hob der Bagger Teile der linken Tragfläche, eine Sauerstofflasche, ein Propellerblatt mit Streifschuss, Zylinder des BMW 801 Sternmotors, die Fallschirmschnüre, ein MG 131 und jede Menge Munition aus der Grube. Je tiefer die Baggerschaufel in die Erde eindrang, desto stärker wurde der Treibstoffgeruch. Jetzt schaltete sich die „Untere Wasserbehörde“ ein und stoppte die Bergung. Gutachten über den verseuchten Boden, angereichert mit Treibstoff, Motor- und Hydrauliköl mussten erstellt werden. Jetzt ruhte erst einmal die Bergung und viele Leute haben sich hier eingefunden, um illegal aus dieser Baugrube Teile der Maschine zu entwenden.

 Nach langen Verhandlungen mit Behörden und der Oberfinanzdirektion nahm nach sieben Monaten der Kampfmittelräumdienst seine Arbeit wieder auf Dies war am 20.02.1995, ein regnerischer Tag. Jetzt ging es darum, die restlichen Teile der „Weißen 12“ (Kennung der Maschine) am Kelterrain zu bergen. Wieder setzte der Bagger an. Motorblock, Untersetzungsgetriebe, Propellernabe, das linke Hauptfahrwerk, Blechteile mit Aufschrift, der komplette Sporn und Panzerplatten kamen aus dem Boden. Außerdem total zerknautschte Funkgeräte, der Anlasser, Stromgenerator, jede Menge Teile aus dem Cockpitbereich, ein leicht verbogenes Kappmesser, sowie die Kopfhaube des Piloten mit der Aufschrift „Leutnant Hansen“. Auch eine Bombenaufhängung, woraus man schließen muss, dass diese Maschine schon für das „Unternehmen Bodenplatte“ ausgerüstet war. Das „Unternehmen Bodenplatte war das letzte Aufgebot aller deutschen Maschinen gegen die Übermacht der Alliierten.

 Die Maschine des Leutnant Hansen ist beim Absturz in leichter Schräglage in den Boden eingedrungen. Teile der rechten Tragfläche schauten noch aus dem Boden, sowie das Leitwerk.

Ein abgerissenes Propellerblatt lag im Wiesenweg, Nähe Wohnhaus der Fam. Kleis. Mehrere Leute waren zu der Unglücksstelle gelaufen, trauten sich aber nicht nahe heran. Sie hatten Angst, dass die Maschine noch explodieren könnte.

 Der Grundstücksbesitzer und Bauherr sollte die Bergungs- und die Entsorgungskosten der Erde und Munition bezahlen. Dies belief sich auf eine halbe Million Deutscher Mark. Durch den Baustopp vom Anfang bis zum Ende der Bergung sind ihm außerdem noch immense Kosten entstanden. Leider konnte er dies alles nicht verkraften und hat sich das Leben genommen.

 Niemand hätte vor 50 Jahren geahnt, dass der Absturz der Focke Wulf noch ein Menschenleben kostet. „Leutnant Hansen“ führte einen verzweifelten Kampf, um noch von der Maschine abzuspringen. Genauso verzweifelt war der Kampf des Grundstücksbesitzers gegen die Behörden. So grausam ist das Leben im Krieg, aber manchmal auch im normalen Leben. Krieg ist etwas schreckliches für jeden, der daran beteiligt ist — auch im nachhinein.