Faszination Zonengrenze

 

Meinen Kuraufenthalt im schönen Bad Kissingen nahm ich im Juli 2010 zum Anlass, ein langersehntes Ausflugsziel zu bereisen. Mit dem Auto, dem Fahrrad oder auch per pedes erkundete ich ein Teilstück der ehemaligen innerdeutschen Grenze im Dreiländereck Hessen, Thüringen und Bayern.

Die Zonengrenze war mir gut bekannt, da ich als Kind und Jugendlicher mit meinen Eltern regelmäßig unsere Verwandtschaft in Dresden und Leipzig besuchen musste. Gegenbesuche waren ja mit Ausnahme der Rentner und Langzeitkranken nicht möglich.

Die ersten Jahre fuhren wir im Interzonenzug zwischen Gerstungen und Bebra über die Grenze, später im Auto über die Grenzstation Herleshausen. In Erinnerung blieben mir die Arroganz und Kälte der DDR-Zöllner, die demütigenden Kontrollen und die damit verbundene Demonstration von Macht.

Die Grenzüberschreitungen ließen damals alle Mitreisenden verstummen und ich fühlte eine unbekannte Ohnmacht, mit der mein sonst kämpferischer Vater die Herren in Uniform geschehen ließ. Alle diese Kontrollen waren für mich mit großer Beklemmung und Bedrohung behaftet und über viele Jahre verfolgte mich die Angst, dass mir von diesen unberechenbaren Autoritäten die Rückkehr in den Westen verwehrt werden könnte.

In Erinnerung geblieben ist mir auch, dass die DDR anders roch als unser Westen. Das lag wohl an der DDR-Plaste, dem Barock Büroleim und dem Zweitakter-Benzingemisch der kultigen Trabis.

Auch als junger Mann fuhr ich einige Male mit Freunden und Besuchern in die Nähe der Rhönstadt Tann in Richtung Osten. Irgendwo hörte dann einfach die Straße auf und wir standen an einem Schlagbaum und staunten über das künstliche aber gnadenlose Ende von unserem begehbaren Deutschland.

Manchmal gesellten sich Beamte des Bundesgrenzschutzes dazu und zeigten uns mittels Feldstecher die NVA Soldaten auf Patrouille und deren Unterstände.

Häufig wurden wir von Ihnen mit Kameras der Marke Praktika fotografiert, warum auch immer.

Gut vorbereitet durch diverse Literatur und Zeitzeugen-Berichte erforschte ich nun 21 Jahre nach der Grenzöffnung 157 Kilometer der insgesamt 1393 Kilometer langen Demarkationslinie.

Beginnen mit meiner Spurensuche wollte ich in der Umgebung von Bad Königshofen im Grabfeld.

Ob ich ihn wohl überhaupt noch finden würde, den einstmals unübersehbaren Verlauf des Todesstreifens? Auf dem Bildschirm meines Navigationssystems im Auto tauchte plötzlich zu meiner Überraschung ein Grenzverlauf auf. Völlig verblüfft fragte ich mich, woher mein Hightech Gerät aus dem 21. Jahrhundert wissen kann, wo Deutschland geteilt war?

Natürlich wusste dies mein GPS nicht, aber es weiß, wo die Grenze zwischen Bayern und Thüringen verläuft. Dankbar für diese Information parkte ich am Straßenrand, überwand ein paar Büsche und da war er, der legendäre Kolonnenweg.

Der Kolonnenweg ist ein zweispuriger Weg aus Betonlochplatten und diente den NVA-Grenzern zum schnellen Befahren der Grenzsperranlagen.

Da stand ich nun auf dem Kolonnenweg zwischen Alsleben und Gompertshausen inmitten herrlichen Rapsfeldern in friedlicher Landschaft. Völlig überwältigt und immer noch befürchtend, hier etwas ganz Verbotenes zu tun, folgte ich dem Kolonnenweg ein Stück und schickte meine Gedanken auf eine Zeitreise.

Sofort verwandelte sich das sommerliche Idyll in eine bizarre frische Narbe, die Landschaften durchschnitt und Nachbarn trennte.

Metallgitterzäune, Wachtürme, Hundegebell und Trassen ohne jegliche Vegetation säumten den Kolonnenweg und wurden einzig durch farbige Grenzsäulen in schwarz, rot, gold mit dem silbrigen Staatswappen der DDR entkrampft.

Ich war fasziniert und fühlte gleichzeitig eine Gänsehaut aufziehen. Wie menschenverachtend muss ein System sein, das seine Bürger mit Zäunen, Selbstschussanlagen, Tretminen und Schießbefehl einmauert und den verletzten Grenzgänger im Niemandsland verbluten lässt. Zwangsumsiedlungen und das Schleifen von Dörfern, Mühlen und Gehöften standen an der Tagesordnung unter dem bezeichnenden Namen „Aktion Ungeziefer“.

Genau genommen war der 2. Weltkrieg erst 1989 zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung beendet, zumindest dessen unmittelbare Auswirkung, die als Kalter Krieg in die Geschichte einging.

Wenn ich heute mit meinen Kindern über die ehemalige DDR und meine Grenzerfahrungen spreche, dann stoße ich auf ein Gemisch aus Unverständnis und Gleichgültigkeit.

Gerade für unsere jungen Menschen, für die in der Geborgenheit von Freiheit und Demokratie zu leben selbstverständlich ist, ist es jedoch sinnvoll und notwendig, dass vereinzelt noch Wachtürme in den Himmel ragen und Mahn- und Gedenkstätten eingerichtet wurden, die die Schnittstelle zwischen Freiheit und Unterdrückung augenfällig und verstehbar halten.

Den Grenzstreifen hat sich weitestgehend die Natur zurückerobert und somit machtvoll den Menschen in seine Schranken verwiesen.

Aus dem Todesstreifen entstand ein prächtiger grüner Gürtel und der einstige Kolonnenweg bietet Eidechsen, Disteln und Trollblumen einen förderlichen Nährboden.

Nur ab und zu, wenn ich den Kolonnenweg verließ, um neugierig einen Beobachtungsturm zu besuchen oder irgendwelche Ruinen zu erkunden, dann beschlich mich bei aller Freude doch noch einmal die seltsame Furcht, ob denn wirklich alle Tretminen gefunden und beseitigt wurden?

 

 

 

 

 
 

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Karte: Google Maps